












circular somatic-poetic sound installation
vas sonus/tilia fluens
donnerstag, 3.9.2026, 19 Uhr
zirkuläre klanginstallation
mit keramikschalen von ursula vogel
outofoffice
zweierstrasse 177
8003 Zürich
organisiert von burkhard meltzer
und tabea guhl
Der kleine öffentliche Platz vor dem Gemeinschaftsbüro an der Zweierstrasse 177 beherbergt einen von mehr als 1200 Trinkwasserbrunnen in der Stadt Zürich. Dieser wurde vom Künstler Luigi Zanini, zusammen mit dem Wandgemälde am Gebäude in den 50er Jahren im Zuge des Baus von neuen genossenschaftlichen Wohnprojekten in Zürich gestaltet. Das Wandgemälde, das eine Abbildung eines Gutshofs zeigt, folgt einer damaligen Tendenz in der baugebundenen Kunst, das vergangene dörfliche Leben auf modernen Gebäuden abzubilden, um es in der Erinnerung der Urbanisierung festzuschreiben.
Schräg gegenüber des stetig fliessenden Brunnens steht eine 1978 gepflanzte Winterlinde. In frühen europäischen Gesellschaften begaben sich Menschen unter eine Linde, um Recht zu sprechen und Wahrheit zu suchen. Diese politischen Praxen haben sich in populären Vorstellungswelten über Jahrhunderte tradiert. So galt der Lindenbaum als heiliger Ort und die Menschen glaubten, dass unter diesem Baum Weisheit und Wahrheit offenbart werden. Schon im Mittelalter waren sogenannte Gerichtslinden der zentrale Ort für Dorfgemeinschaften, um Recht zu sprechen, Verträge zu beschließen oder Streitigkeiten zu schlichten. Die Blüten, Blätter und Wurzeln der Linde wurden für medizinische Zwecke verwendet. Lindenblüten werden seit der Antike eingesetzt, unter anderem bei fieberhaften Erkältungen, Migräne, Bluthochdruck, nervöser Anspannung und Angstzuständen, Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen, Verdauungsstörungen, Stress und nervöses Herzklopfen. Aus dem Namen der Linde – benannt nach ihrem linden (weichen, biegsamen) Bast – entwickelte sich auch durch die medizinische Nutzung ihrer schmerzstillenden Eigenschaften im Spätmittelalter das Verb lindern.
Obwohl Linden von Natur aus trockene Böden meiden, sind sie durch die immer länger werdenden, von der Klimakrise verursachten Hitzewellen und Trockenphasen gefährdet. So werfen sie vorzeitig kontrolliert ihre Blätter ab, um die Erde zu kühlen, die Verdunstung des Wassers aus dem Boden zu mildern und so die Dürre zu überleben. Aus den abgeworfenen Blättern entsteht keine Energie mehr durch Photosynthese,was die Bäume langfristig schwächt.
Die feministische und queere Geistliche, Mystikerin, Naturheilkundlerin und Komponistin Hildegard von Bingen schreibt der Linde (tilia) in ihrem Natur- und heilkundlichen Werk Physica aus dem 12. Jahrhundert eine «grosse Wärme» zu, die für «die Gebrechlichkeit» steht. Sie empfiehlt die Blätter der Linde als Wickel zur Schärfung und Klärung der Augen, das Innere der Lindenwurzel zu Pulver verarbeitet auf Brot als Mittel gegen Herzbeschwerden, oder ein Stück der Wurzel in einem Goldring am Finger gar als Beschützerin vor jeglichen Krankheiten.
Ebenso wie die Heilkraft der Pflanzen hatte das Hören und Klang (sonus) für Hildegard eine tiefgreifende, existenzielle Bedeutung für das psychische und physische Wohlbefinden des Menschen. Das Gehör galt ihr als „der“ transzendente Sinn, weil Klänge und Worte direkt ins Innere des Menschen dringen, ohne den Körper materiell zu berühren. Demnach können Klänge die Seele nähren, während «Lärm» oder böse Worte die inneren Säfte (Humores) in Unordnung bringen und krank machen können. Sie schrieb dem Klang das Potenzial zu, die Lebenskräfte anzuregen, das Immunsystem zu stärken und die Selbstheilungskräfte des Körpers zu aktivieren. So verstand sie den Körper nicht als ein geschlossenes System, sondern als ein Membran, welches vom transzendenten Lebenshauch (flatus) durchweht und aktiviert wird – «den Körper als ein Gefäss (vas) das die Seele bewegt». Sie verstand das Gefäss als Ort der Durchdringung und Übertragung, das gerade dadurch lebendig wird, weil es empfängt und weiterwirkt. Das Gefäss wird eine durchlässige Vermittlungsform, und jeder Klang wird ein Atem, der durch jenes lebendige Gefäß hindurch hörbar wird.
Während von Bingen im 12. Jahrhundert die ontologische Verwobenheit von Mensch und Biosphäre im Konzept einer göttlich animierten Lebenskraft mystisch-teleologisch codierte, transformiert Donna Haraway heute diese Interdependenz zur Sympoiesis – wonach kein Lebewesen und kein System jemals isoliert oder rein aus sich selbst heraus existiert – einem radikalen, von jeglichem Determinismus befreiten, unauflöslichen Miteinander-Werden, das das humane Subjekt als flüssiges Ökosystem inmitten von Pflanzen, Mikroorganismen und Technik dezentriert. Ist der Mensch bei Hildegard noch sinndeutender Empfänger von Naturkräften, besitzen bei Haraway auch non-humane Entitäten eine genuine Eigendynamik, die eine gemeinsame Welt in einem flüssigen (fluere), symbiotischen Netzwerk kontinuierlich co-konstituiert.
Aio Frei greift von Bingens Heilwissen und ihr Verständnis des Gefässes als einer durchlässigen Entität auf und übersetzt diese durch Haraways Sympoieses in eine ortsspezifische Klanganlage der sich bedingenden Beziehungen und der subtilen Verhandlung. Ein fragiles Klanggefüge aus Wasserstrom und Keramik (von Ursula Vogel), welches die Linde und die Besucher:innen untrennbar verwebt, schwebt zwischen Aleatorik und stetiger Unbestimmtheit. Es verändert und rearrangiert sich fortlaufend und unmerklich durch die kollektive Choreografie der Anwesenden, des Wassers und dem Wind. Die Dynamik der Zusammenkunft beeinflusst wie stark, ob und wie die Komposition zum klingen kommt. In einer gebrechlichen Poesie der Berührung und Kollision werden Gefässe zu Körpern, wonach jede Bewegung der Entnahme und Rückgabe die Strömungen und somit die Gesamtkomposition verschiebt. Zeitgleich fliesst die Linde im Wasser durch die Körper, das Wasser durch die Körper zur Linde, und weil die Augen beruhigt und geschärft werden, rückt das innere Ohr nach vorn.
Gehe zum Brunnen – listen to change – Möge es lindern – Nimm ein Gefäss das zu dir spricht – listen to change – Fülle das Gefäss mit Lindenblütentee – Trinke – listen to change – Mögen die Verbindungen von Linalool, Geraniol und Farnesol deine Nerven beruhigen, deine Muskeln entspannen – Mögen Quercetin, Kämpferol und Tilirosid deine Ängste lösen – Möge es lindern – listen to change – Gehe zum Brunnen – Fülle dein Gefäss mit Wasser – Tränke den Lindenbaum – listen to change – Möge es lindern – Gehe zum Brunnen – Wasche dein Gefäss und lass es zurück zu den anderen gleiten – listen to change – Nimm ein paar Lindenblätter – Reibe sie langsam in deinen Händen aufeinander – Knete sie leicht bis sich die Poren der Blätter öffnen und die Wirkstoffe austreten – listen to change – Lege die Blätter auf die Innenseite der Maske – Lege sie über deine Augen – listen to change – Mögen die Polysaccharide deine Lider kühlen, deine Sicht entkrampfen – Mögen die Tannine die Entzündungen hemmen und die Schwellungen abklingen – Mögen die Antioxidantien die freien Radikalen einfangen und regenerieren – Mögen sie deinen Blick klären – Möge es lindern – listen to change